Alles verzockt?

Kommentar zum aktuellen Stand der Krise des Kapitalismus

Seit dem Zusammenbruch der Wall-Street-Legende Lehman Brothers im Herbst 2008 bemühen sich die Staats- und Regierungschefs, die Auswirkungen einer scheinbar entfesselten Finanzwelt zu bezwingen. Dabei sind nicht die Börsen selbst das Problem – die Welt insgesamt ist enger, schneller und komplizierter geworden. In Sekundenbruchteilen fliegen Informationen um die Welt, und mit ihr der Mut, das Geld und die Nervosität der Anleger_innen. So hat vor Kurzem erst ein Gerücht über Twitter bei einigen Händler_innen an der Börse für große Aufregung und somit auch für Panikverkäufe gesorgt. Ein Broker teilte mit, dass ihm alles zu schnell sei. Er könne gar nicht so blitzartig reagieren, wie die Informationen durch die öffentlichen Kommunikationskanäle wie Facebook, Twitter und Co. gejagt werden. Hierdurch käme es dann schon mal schnell zu Fehlentscheidungen und Tippfehlern, die für einige Firmen den Bankrott bedeuten könnten. Es sei das reinste Chaos.
Die Wertpapierkurse zeichneten nur noch, wie ein Seismograph bei einem Erdbeben, die Erschütterungen auf.

Solange die Wirtschaft brummt, gerät die Gesamtverschuldung leicht in Vergessenheit. Das Fortschreiten des Kapitalismus setzt ein wirtschaftliches Wachstum voraus, dieses lässt sich allerdings nicht ewig mit Krediten finanzieren. Ab einem gewissen Punkt stellen die Gläubiger_innen, also die Besitzer_innen von Staatsanleihen, Fragen. Genau das ist jetzt bei den stark verschuldeten Staaten geschehen. Diese Fragen verlangen nun nach Antworten, doch die Staaten und viele Banken sowie Finanzinstitutionen versuchen Ihre Investor_innen, ob kleinere Privatanleger_innen oder Großkund_innen, mit Aussagen wie: „Es handelt sich hierbei offensichtlich um irrationale und ungerechtfertigte Panikmaßnahmen“ immer wieder zu beruhigen.

Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, wenn im Zusammenhang mit der Schuldenkrise von „den Märkten“ die Rede ist?
Oft bezieht sich das auf drei verschiedene Bereiche der Weltwirtschaft: den Aktienhandel, den Handel mit Devisen und den Markt für Staatsanleihen. Diese drei Bereiche bilden einen Teil der Öffentlichkeit, in dem sich die Politik mit ihren Entscheidungen bewegt.
Der Markt für Staatsanleihen steht der Politik dabei unmittelbar gegenüber: Der Bond-Markt, wie der Handel mit staatlichen Schuldverschreibungen auch genannt wird, nimmt staatliche Schuldtitel auf und vermittelt zwischen Kreditnehmer_innen und Kreditgeber_innen. In diesem Verhältnis bittet der Staat um Kredit, damit er weiter existieren kann. Damit die Geldgeber_innen bei den Anleihen zugreifen, muss er ausreichend hohe Zinsen bieten. Anleihen kann im Prinzip jede_r kaufen, auch der Privatmensch kann in Staatsschulden investieren. Die großen Summen werden allerdings von den sogenannten institutionellen Investoren gehalten. Das sind zum Beispiel Pensionsfonds, Versicherungen oder Banken, die ihre Rücklagen in Staatsanleihen anlegen. Warum sie das machen? Staatsanleihen sind weniger riskant als Unternehmensanleihen, und bei Weitem weniger beweglich als Aktien oder andere Anlageformen. Deshalb lagern hier gewaltige Mengen an Geld. Die Schuldenprobleme in der Eurozone begleiten die Märkte schließlich schon seit mehr als einem Jahr. Warum ist das latent schwellende Gemisch aus Finanz- und Schuldenkrise plötzlich akut? Eine Antwort: Im Sommer 2011 verwandelten sich mit dem zögerlichen Krisenmanagement Europas vage Planspiele zu brennender Sorge: Steht das Experiment Gemeinschaftswährung vor dem Scheitern? Wenn das zuträfe, dann stünde die Welt vor einer weitaus brutaleren Veränderung als während der Lehman-Krise. Ein perfektes Beispiel ist hierbei der Staatshaushalt Griechenlands, welcher, genau genommen, nicht existent ist. 30.000 Menschen, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, sollen bis Ende diesen Jahres noch in Kurzarbeit geschickt oder direkt entlassen werden. Renten werden drastisch gekürzt. Alles, um die zig Milliarden Schulden in kleinen Kredittranchen zurück zu zahlen. Die Menschen Griechenlands sehen das Ende Ihrer Existenz. Die Gewerkschaften rufen für den 5. Oktober einen Streik des öffentlichen Diensts sowie für den 19. Oktober einen landesweiten Generalstreik aus.
Hinzu kam vor Kurzem ein neuer Paukenschlag aus ganz anderer Richtung: Der Entzug der Top-Note für die USA. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) gab nach Handelsschluss an der Wall Street in Reaktion auf den Washingtoner Schuldenstreit die Herabstufung von „AAA“ auf „AA+“ bekannt: Die Schuldenkrise war – inmitten ohnehin schon extrem nervöser Aktienmärkte – auf beiden Seiten des Atlantiks voll entbrannt. Abermals eine vollkommen neue Situation, nur dass die Investor_innen diesmal mit ihrer Reaktion bis zur Börseneröffnung am Montag warten mussten. Die Masse der Anleger_innen fürchtet offenbar, dass sich die Schuldenprobleme in den USA und Europa dämpfend auf die Weltkonjunktur auswirken. Der Teufelskreis könnte dabei ähnlich beginnen wie nach der großen Finanzkrise von 2008: Erst leiden die Banken, dann die Realwirtschaft. Nur, dass es diesmal keine Reserven für konjunkturstimulierende Staatshilfe gibt.

Die Staaten sind am Limit. Die Steuerzahler_innen sind es längst. Denn noch ist offen, ob die Schuldenkrise tatsächlich zu einem globalen Konjunkturabschwung führt oder ob die Weltwirtschaft noch einmal mit einem blauen Auge davonkommt. Was bleibt, sind Indikatoren, Theorien und Prognosen. Und eine ganze Reihe ungelöster Probleme.
Wir blicken gespannt in eine vielleicht neue Zukunft.