Soziale Unruhen in Großbritannien

Marc Duggan
Am 4. August wurde der 29-jährige Familienvater Mark Duggan in London von der Polizei erschossen. Bei einem vermasselten Festnahmeversuch schoss ihm ein Beamter in die Brust und tötete ihn.
Direkt danach titulierten offizielle Pressemitteilungen das Opfer als „dem Gang-Milieu zugehörig“, um dadurch seinen Tod herunterzuspielen und zu legitimieren. Die plakative Behauptung der Metropolitan Police, Duggan habe ebenfalls aus einer Schusswaffe gefeuert, erwies sich im Nachhinein als lanciert.
Zwei Tage nach Duggans Tod nahmen 200 Anwohner_innen im sozialen Brennpunkt Tottenham an einem Trauerzug teil. In den Abendstunden kam es hier zu einem Polizeiübergriff auf die Demonstration, dessen genaue Umstände noch unklar sind. In der Folge kam es zu spontanen Auseinandersetzungen mit den Cops, die sich rasch auf den ganzen Stadtteil ausweiteten. Gebäude und Polizeifahrzeuge wurden abgefackelt und Geschäfte exzessiv geplündert. Am 7. August breiteten sich die von Jugendlichen aus prekären Verhältnissen getragenen Riots auf andere Teile Londons aus und erfassten innerhalb der nächsten Tage auch die Städte Bristol, Nottingham, Manchester, Liverpool und Birmingham.
Liverpool
Die Gewalt richtete sich dabei allerdings nicht nur gegen Polizeibeamte und staatliche Institutionen, fünf Todesopfer der Unruhen sind bisher bekannt geworden. Vier von ihnen gehörten selbstorganisierten Bürgerwehren an, die ihre Viertel gegen die Aufständischen verteidigen wollten. Mindestens 26 Familien verloren durch Brände ihre Wohnungen. Die Sachschäden gehen derweil in die Millionen, Straßenzüge wurden verwüstet und Polizeistationen zerstört. Die Zusammenstöße sind die Härtesten seit den Protesten gegen die Tory-Regierung in den 1980er Jahren und trafen die britische Exekutive völlig unvorbereitet. Erst nach mehreren Tagen urbanen Chaos konnte ein Heer von 16.000 Bullen London „befrieden“. Sogar der Einsatz der Armee im Inland wurde erwägt.
Inzwischen wurde durch massive Repression wieder relative Ruhe erzwungen. Es gab bereits hunderte Hausdurchsuchungen und Festnahmen. Britische Gerichte verurteilen in sogenannten Schnellverfahren vermeintlich an den Krawallen Beteiligte zu Gefängnisstrafen. 100.000 Wutbürger_innen forderten per Internet-Petition vom Parlament, das allen Verurteilten die Sozialhilfe gestrichen wird.
Englische Medien entsetzen sich mehrheitlich über die Unruhestiftenden, die von Premierminister Cameron als „kranker Teil der Gesellschaft“ beschimpft wurden. Nun werden Rufe nach Vergeltung laut, besonders die Mittelschicht fühlt ihren Lebensstandard durch die Ausschreitungen direkt attackiert. Im Internet entstanden auf verschiedenen Plattformen öffentliche Pranger, auf denen Fotos von Plündernden veröffentlicht werden, mit dem Aufruf, sie zu identifizieren und bei der Justiz zu denunzieren. Derweil soll die Polizei mit Gummigeschossen und Wasserwerfern aufgerüstet werden. In Zukunft soll sie auch diverse Online-Kommunikationsdienste zensieren dürfen, um so die Koordination von Riots zu erschweren.
Die Ursachen für die Gewaltausbrüche, die laut Cameron „pure Kriminalität“ sind, werden nur am Rande diskutiert. So schloss die konservative Regierung im Rahmen ihrer Sparprogramme über zwanzig Jugendzentren. Sogenannte ASBOs (Anti-Social-Behaviour-Orders) sind in Kraft getreten, diskriminierende Bestimmungen, die „Kriminellen“ z.B. den Aufenthalt an bestimmten Orten des öffentlichen Lebens verbieten. Die Arbeitslosenrate der unter 25-Jährigen beträgt inzwischen fast 20%. Die Menschen, die dem britischen Staat in den letzten Tagen so viel Angst eingejagt haben, leiden unter einer beispiellosen Perspektivlosigkeit. Der „politische“ Protest zeichnete sich bereits Anfang 2011 bei den von über 300.000 Demonstranten getragenen Anti-Austerity-Protests ab. Doch im Gegensatz dazu waren das kurze und heftige Auflammen der Gewalt der letzten Tage eher ziellos, es wurden keine Forderungen artikuliert. Jetzt wird in der Öffentlichkeit die Tragik der unbeteiligten Opfer und der Aspekt der persönlichen Bereicherung durch Plünderung in den Vordergrund gestellt. Wir sind gespannt, wie sich die Situation weiter entwickelt, und ob die Kausalität der Ereignisse zu tieferer Diskussion kommt.
Burned Warehouse
Unterdessen randalierten am 10. August in der spanischen Saufmetropole Lloret de Mar hunderte deutsche, britische und italienische Party-People. Sie taten damit ihren Unmut über die Schließung eines Clubs wegen einer defekten Klimaanlage kund…